Veröffentlicht am Donnerstag, 23. August 2007 um 09:54
Dortmund (lwl). In den letzten Jahren hat sich im Ruhrgebiet ein bemerkenswertes polnisches Kulturleben entwickelt. Ähnlich wie vor 100 Jahren finden sich in fast allen Städten des Reviers wieder polnische Geschäfte, Zeitungen, Gottesdienste, Freizeitangebote und Restaurants:
Bigos, das polnische Nationalgericht, bereichert den Speisezettel des Reviers. In einer neuen Publikation blickt das LWL-Industriemuseum auf die lange und nicht immer einfache deutsch-polnische Migrationsgeschichte im Ruhrgebiet zurück. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) gibt das Buch anlässlich einer Sonderausstellung heraus, die das Industriemuseum am 17. August auf der Zeche Hannover in Bochum eröffnet.
“Polen - Ruhr” beginnt mit einer Überblicksdarstellung von Susanne Peters-Schildgen zur Geschichte und Forschungslage der Zuwanderung ins Ruhrgebiet. Die erste große Zuwanderungswelle erfolgte während der Hochindustrialisierung nach der Reichsgründung von 1871. Dabei spielten Polen eine besonders wichtige Rolle.
Die Stadt Bochum entwickelte sich um 1900 zum organisatorischen Zentrum der sogenannten “Ruhrpolen”. Hier waren die bedeutendsten polnischen Organisationen - religiöse Vereine, Gewerkschaften, Berufsorganisationen und Verlage - ansässig.
Mit den noch wenig erforschten Nachfahren der Ruhrpolen, die nach dem Ersten Weltkrieg nicht ins neu gegründete Polen zurück oder in die französischen und belgischen Industriereviere weiter wanderten, sondern im Ruhrgebiet blieben, befasst sich Valentina Maria Stefanski. Sie schlägt zudem einen Bogen von diesen freiwilligen und mittlerweile heimisch gewordenen Zuwanderern zu den zwischen 1939 und 1945 im Revier eingesetzten Zwangsarbeitern.
Viele ehemaligen Zwangsarbeiter aus Polen blieben nach dem Zweiten Weltkrieg als Displaced Persons (DPs) in Deutschland zurück. Dietmar Osses beschreibt ihr Schicksal anhand des temporären DP-Lagers in Haltern und der Siedlung Dortmund-Eving, die 1951 als dauerhafte Bleibe für die Displaced Persons vom Land Nordrhein-Westfalen mit Gelder der Vereinten Nationen errichtet wurde.
Die deutschen Vertriebenen nach dem Krieg setzten neue Akzente in der Zuwanderungsgeschichte des Reviers, wie Dagmar Kift in ihrem Beitrag zeigt.
Jetzt kamen keine Polen ins Revier, sondern Deutsche aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen - Gebieten, die nach dem Krieg Polen zugeschlagen wurden.
Den Flüchtlingen und Vertriebenen folgten in einer ersten Ausreisewelle in den 1950er Jahren die Aussiedler. Eine zweite Zuwanderungswelle von (Spät-) Aussiedlern setzte in den 1980er Jahren ein, dazu kamen die Solidarnosc-Flüchtlinge. Wie Veronika Grabe und Andrzej Kaluza zeigen, haben diese sogenannten Polnischsprachigen heute ein engmaschiges Netz an Organisationen, Verbänden und kulturellen Einrichtungen aufgebaut. In der Bundesrepublik leben heute schätzungsweise zwei Millionen “Polnischsprachige”, die meisten von Ihnen im Ruhrgebiet und in Berlin.
Eine Sondergruppe der heutigen Zuwanderer aus Polen bilden die sogenannten “Pendelmigratinnen”, die im Revier vorwiegend in privaten Haushalten oder in der Betreuung älterer Menschen tätig sind. Ihre Arbeits- und Lebensbedingungen, Wertesysteme und Identitätsvorstellungen sind Gegenstand eines an der Universität Dortmund angesiedelten Forschungsprojektes, das Sigrid Metz-Göckel vorstellt.
Mit den drei abschließenden Beiträgen wirft der Band einen Blick auf das deutsch-polnische Verhältnis generell. Wie berichten die jeweiligen Medien über ihre Nachbarn? Mit welchen alten oder auch neuen Stereotypen arbeiten sie? Diesen Fragen geht Magdalena Bernacki in ihrer Analyse der wichtigen deutschen und polnischen Wochenschriften nach.
Das lange und meist schwierige Verhältnis zwischen Polen und Deutschland beleuchten Thomas Urban, Warschauer Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, aus der deutschen und Krzystof Ruchniewicz, Leiter des Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien an der Universität Breslau, aus der polnischen Perspektive. Sie gehen dabei bis ins 18. Jahrhundert zurück und dokumentieren die Komplexität einer langen gemeinsamen und schwierigen Geschichte zweier benachbarter Staaten, die sich - trotz aller gegenwärtigen Dissonanzen - einander anzunähern
beginnen.
Der abschließende Katalogteil von Dietmar Osses und Ludwika Gulka-Höll gibt einen Überblick über die Ausstellung “Westfalczycy - Ruhrpolen. Zuwanderer aus Polen im Ruhrgebiet 1871 bis heute”, die das LWL-Industriemuseum vom 17.8. bis 29.10.2007 auf der Zeche Hannover in Bochum zeigt.
Dagmar Kift, Dietmar Osses (Hg.): Polen - Ruhr. Zuwanderungen zwischen 1871
und heute (= LWL-Industriemuseum Quellen und Studien Band 14), 164 S.,
zahlreiche, meist farbige Abbildungen. Klartext Verlag Essen, ISBN
3-89861-851-X, 14,90 EUR
von S. Hilling